Liebe linespur,
es freut mich ungemein, dass wir in letzter Zeit wieder öfter in den Genuss kommen, deine Kurzgeschichten lesen zu können. Gerne hätte ich auch schon deine zuletzt eingestellte Geschichte kommentiert, leider fehlte mir zunächst die nötige Zeit für einen ausführlichen Kommentar und als die Zeit da war, hattest du deiner Geschichte leider schon die Chance zum Kommentieren und Loben genommen. Schade. Damit dieses Schicksal nicht auch dieser Geschichte widerfährt, greife ich jetzt direkt zur Tastatur.
Trauben. Die wahrscheinlich erste Assosiation bei diesem Wort sind reife, pralle Früchte, deren Saft beim Essen den Gaumen süß umspielt. Nicht zuletzt auch eine Frucht, die Herrschern gereicht wird. Aber wer diese Assoziation beim Titel hatte, wird beim Lesen überrascht werden, denn hier haben die Trauben einen bitteren Beigeschmack. Mit ihnen sind Erinnerungen an einen bestimmten Menschen genküpft. Zumindest verleitet das Sinnieren über die Traubenfarbe, die Gedanken und Gefühle schweifen zu lassen. Und im Loslassen des Jetzt kommt die Kindheit zurück und damit ein unverarbeitetes Verlassenwerden. Aus Trotz vielleicht oder einfach aus einem Selbsterhaltungstrieb heraus wird sich eingeredet, dass die Situation so wie sie ist, besser ist und dass Ungesagtes oft viel länger lebt als Gesagtes. Wie einfach wäre es doch, wenn man Emotionen und Erinnerungen in Schränken einsperren könnte, wie Akten, die bearbeitet sind und abgeheftet werden. Und gleichzeitig wäre der Mensch so arm, wenn es möglich wäre. Genauso wie die Erleichterung nach ein paar vergossenen Tränen fehlte, wenn man sich rational bewusst wäre, dass sie doch nichts ändern.
Der Protagonist nimmt den Leser durch seine persönlichen Erlebnisse mit auf einen Weg zu philosophischem Denken. Der Zweispalt zwischen Vergessen möchten und doch noch einen Funken Hoffnung in sich tragen, dass sich etwas ändert, blitzt an einigen Stellen durch.
Ich mag diese Erzählweise, die scheinbare Nebensächlichkeiten wie das Holz einer Schranktür plötzlich in den Mittelpunkt des Denkens stellt und als Überleitung nutzt, aber sich dennoch nicht in Nebensächlichkeiten verläuft. Es hat eher den Anschein, die Welt einmal aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen.
An einigen Stellen sind meiner Meinung nach eher lyrische Elemente eingebaut, wie zum Beispiel hier:
... schütteln Fäuste und verschwinden wieder lautlos – bist Du gegangen.
Dass man ein Wort in zwei Zusammenhängen lesen muss, damit Sinn entsteht, erfordert vom Leser Aufmerksamkeit und die Fähigkeit, sich auf den Text einzulassen. Man kann nicht einfach darüber hinweglesen und ich denke, dass solche schriftstellerischen Feinheiten in einer Geschichte leider eher untergehen, als in einem Gedicht. Dennoch sind sie das i-Tüpfelchen, das eben den Unterschied macht.
Etwas irritiert bin ich von dieser Stelle, genauer gesagt von dem Fragezeichen am Ende.
Wenn ich jetzt also deinetwegen ein paar weitere Tränen in die Sommerwiese tropfen ließe, die deinen Namen trügen, so wärest Du nicht weiter fort oder näher und nichts würde besser?
Für mich macht es den Anschein, dass der Protagonist schon weiß, dass es nicht besser würde. Daher würde eine Interpunktion in dieser Variante "...so wärest Du nicht weiter fort oder näher? Und nichts würde besser." (oder einfach das Fragezeichen durch einen Punkt ersetzen) noch eher mein Empfinden beim Lesen widerspiegeln.
Zum Schluss bleibt mir nichts weiter zu sagen, als ein Danke für die gelungene Gedankenreise in unverwechselbar weicher Atmosphäre. Sehr gern gelesen.
Liebe Grüße,
die Nachtspinnerin