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talentlos Thread starter

Dorian Gray

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1

Sunday, March 7th 2010, 5:42pm

Wenn der Groschen fällt

Bald jeden Sonntag kam sie zu uns, Tante Trude,
Vater sagte, sie brächte Leben in die Bude.
In Wirklichkeit war sie eine konservative Person,
zurückhaltend sowohl in Gesten als auch im Ton.
Nachmittags pflegte sie zu erscheinen,
sehr zur Freude von uns Kleinen.
Mutter fragte nach einer Weile „willst Du ein Käffchen?
wir sprangen um sie herum wie kleine Äffchen,
denn immer überraschte sie uns mit Kleinigkeiten,
mal war es Spielzeug, hin und wieder Süßigkeiten;
So schauten wir bald auf sie, bald auf ihre Tasche
gespannt, womit sie uns wohl diesmal überrasche.
Doch die Enttäuschung war einmal sehr groß,
Sie schenkte uns jedem einen Groschen bloß.
Artig sagten wir ihr auch höflich „danke Tante „
Doch sie war da nicht unsere liebste Verwandte.
Statt das Geld sinnlos zu verschwenden,
sollten wir es für Nützliches verwenden.
Nicht für Komikhefte , diesen Schund
oder Kaugummis igitt wie ungesund.
Dies, so sprach sie zu uns, mit ernster Miene,
gab ich euch, dass es euch zum Grundstock diene,
für einen Reichtum, der es uns erlauben sollte,
zu kaufen, was ein jeder von uns haben wollte.

Irgendwo zwischen alten, wegzuwerfendem Plunder,
fand ich mein altes Sparschwein, und in ihm, o Wunder
das alte einst geschenkte Zehnpfennig Stück
spuckte ihn an, vielleicht bringst du Glück?!
so begann ich beim polieren
irgendwie darüber zu sinnieren,
wie verändern wir uns doch mit der Zeit,
Früher freute uns so manche Kleinigkeit
Heute können uns selbst die teuersten Sachen
keine Erfüllung bringen, Spaß und Freude machen.
Erschwinglich ist jetzt, was einst, unbezahlbar, begehrt
wiederum gilt das für manches auch leider umgekehrt.
Tante stöhnte damals über hohe Elektronikpreise,
und lange sparte sie für eine große Urlaubsreise.
Fernseher gibt es für weniger als Hundert Euros schon,
Nur bei den Brötchenpreisen denkste an erlebte Inflation.
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2

Monday, March 8th 2010, 9:34am

Hey talentlos,

dein Gedicht erinnert mich in Büttenredenmanier (das kommt wohl durch den Paarreim) an den Spruch "früher war alles besser". Neben der Entwicklung des lyr. Ichs, das erwachsen geworden ist, kommt auch die gesellschaftskritische Seite nicht zu kurz. Der Inhalt ist nicht weltbewegend, aber humorvoll an den Leser gebracht. Zum Ende hin packst du den erhobenen Zeigefinger aus und versuchst so den Leser zum Nachdenken anzuregen.
Formal habe ich auch wenig zu meckern. Die Reime sind in Ordnung und das Gedicht liest sich flüssig. Ich habe jetzt nicht alles genau durch ge-x-t, aber spontan habe ich keine großen Holpersteine entdecken können.
Einen langen Nachhall wirden deine Zeilen hier bei mir wohl nicht haben, aber die Beschäftigung mit ihnen war auf jeden Fall kurzweilig.

Lg die Nachtspinnerin
"Ein Leben, bei dem nicht von Zeit zu Zeit alles auf dem Spiel steht, ist kein Leben." (Luise Rinser)


~* mehr Nachtgesponnenes: Unterm Sternenzelt *~
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Dorian Gray

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3

Monday, March 8th 2010, 10:39am

Liebe Nachtspinnerin

Vielen Dank für Deinen durchaus positiven Kommentar.
Es freut mich, dass es gerade Dir ein wenig Kurzweil gebracht hat.
Ein gesellschaftskritischer Aspekt war weniger beabsichtigt, als vielmehr eine Reminiszenz an die eigene, längst vergangene, Kindheit zum Ausdruck zu bringen.
Wenn die so geschilderten Ereignisse auch nicht wie beschrieben stattgefunden haben,
so waren ähnliche Abläufe für mich ein Aufhänger, diese Geschichte zu entwickeln.
Eine Tante gab es, die aber hieß nicht Trude sondern Gerda. Und daraus wurde, auf Grund dessen dass er sich funktionsfähiger verreimen ließ, die Tante Trude.
Die Funktionsfähigkeit des Namens Trude bestand darin, dass sich auf ihn ein zweckmäßiges
Reimwort, wie etwa Bude anbot.
Und ein gefundenes Geldstück 10 Pf, ist Realität, ob es von Tante „Trude“ war, ist nicht mehr nachvollziehbar, hätte aber sein können.
Ich denke der Titel hat deine Vorstellung über den Inhalt mitgeprägt. Und die Ambiguität,
welche die Namensgebung in sich trägt, kann zu Spekulationen , was ist damit gemeint, Anlass gegeben haben.
Hätte ich als Überschrift Tante Gerda gewählt, wären da deine „Erwartungen“ anders gewesen?
Welche Art von Gedicht hinterlässt bei Dir bleibenden Eindruck? Nicht, dass ich bestrebt oder bemüht oder gar im Stande wäre dieser Vorgabe Gestalt zu verleihen.


Herzliche Grüße
talentlos
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Monday, March 8th 2010, 11:04am

Hallo talentlos,

nun, wenn du mich so gezielt fragst: ich denke bei einem Titel wie "Tante Gerda" wäre meine Erwartungshaltung nicht unbedingt anders gewesen. Ich gehe eigentlich immer unvoreingenommen an ein Gedicht heran und versuche zwischen Text und Titel eine Beziehung herzustellen und diese auf mich wirken zu lassen. "Wenn der Groschen fällt" hat dann einen wesentlich weitläufigeren Charakter als "Tante Gerda", weil er zum Weiterdenken anregt, das weiß ich aber erst, nachdem ich das Gedicht gelesen habe. Mit "Tante Gerda" würde ich das Gedicht als abgeschlossene Handlung sehen, die nicht mehr viel Freiraum für die eigene Interpretation des Lesers übrig lässt. Im Nachhinein ist also dein gewählter Titel für mich der ansprechendere.

Dass du die wahren Gegebenheiten zweckmäßig umgebaut hast ist doch völlig in Ordnung. Man erwartet keinen Seelenstriptease wenn man ein Gedicht schreibt. Ich traue jedem Künstler, und dazu zählen ja auch Dichter und Schriftsteller, soviel Phantasie zu, dass man nicht sein eigenes Leben breittritt, sondern sich etwas einfallen lässt. Die Ideen dürfen selbstverständlich aus eigenen Erlebnissen stammen, aber sie müssen nicht wahrheitsgetreu wiedergegeben werden. Künsterlische Freiheit ist etwas Tolles!

Einen bleibenden Eindruck haben bei mir Gedichte, die mich faszinieren, durch ambivalente Auslegungsmöglichkeiten; durch kryptische Sprache, an der man lange herumbasteln kann und immer wieder auf neue Lesemöglichkeiten stösst; durch Aussagen, die einen emotional ergreifen. Es ist schwierig zu erklären, was ein Gedicht für mich richtig gut macht, da kommen im Endeffekt viele Einzelteile zusammen.

Ich hoffe meine Antwort ist verständlich genug ;)

Viele liebe Grüße,
die Nachtspinnerin
"Ein Leben, bei dem nicht von Zeit zu Zeit alles auf dem Spiel steht, ist kein Leben." (Luise Rinser)


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