Hallo talentlos,
nun, wenn du mich so gezielt fragst: ich denke bei einem Titel wie "Tante Gerda" wäre meine Erwartungshaltung nicht unbedingt anders gewesen. Ich gehe eigentlich immer unvoreingenommen an ein Gedicht heran und versuche zwischen Text und Titel eine Beziehung herzustellen und diese auf mich wirken zu lassen. "Wenn der Groschen fällt" hat dann einen wesentlich weitläufigeren Charakter als "Tante Gerda", weil er zum Weiterdenken anregt, das weiß ich aber erst, nachdem ich das Gedicht gelesen habe. Mit "Tante Gerda" würde ich das Gedicht als abgeschlossene Handlung sehen, die nicht mehr viel Freiraum für die eigene Interpretation des Lesers übrig lässt. Im Nachhinein ist also dein gewählter Titel für mich der ansprechendere.
Dass du die wahren Gegebenheiten zweckmäßig umgebaut hast ist doch völlig in Ordnung. Man erwartet keinen Seelenstriptease wenn man ein Gedicht schreibt. Ich traue jedem Künstler, und dazu zählen ja auch Dichter und Schriftsteller, soviel Phantasie zu, dass man nicht sein eigenes Leben breittritt, sondern sich etwas einfallen lässt. Die Ideen dürfen selbstverständlich aus eigenen Erlebnissen stammen, aber sie müssen nicht wahrheitsgetreu wiedergegeben werden. Künsterlische Freiheit ist etwas Tolles!
Einen bleibenden Eindruck haben bei mir Gedichte, die mich faszinieren, durch ambivalente Auslegungsmöglichkeiten; durch kryptische Sprache, an der man lange herumbasteln kann und immer wieder auf neue Lesemöglichkeiten stösst; durch Aussagen, die einen emotional ergreifen. Es ist schwierig zu erklären, was ein Gedicht für mich richtig gut macht, da kommen im Endeffekt viele Einzelteile zusammen.
Ich hoffe meine Antwort ist verständlich genug
Viele liebe Grüße,
die Nachtspinnerin