Montag, 23. Januar 2012, 02:33 UTC+1

Sie sind nicht angemeldet.

  • Anmelden
  • Registrieren

dopamin86 Themenstarter

Administrator

Registrierungsdatum: 21. April 2005

Beiträge: 2 093

Wohnort: Berlin

Beruf: Student

Aktivitätspunkte: 20315

1

Donnerstag, 2. August 2007, 15:29

Georg Heym - Der Krieg

Georg Heym hat mir persönlich auch immer sehr viel Freude bereitet, zumal ich ihn in der Schule relativ häufig bearbeiten durfte.
Dieses Gedicht war unter anderem Bestandteil meiner Abiturklausur.
Seltsam ist allerdings nur, dass mir die Strophe VI gänzlich unbekannt ist und auch nicht in meinen alten Unterlagen auftaucht.
Ebenso das in Strophe III in Klammern gesetzte "wimmert" kenne ich in meinen Unterlagen lediglich als "zittert".

Das alles erscheint etwas merkwürdig, tut der Qualität des Gedichts aber keinen Abbruch.



Georg Heym - Der Krieg


Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
Aufgestanden unten aus Gewölben tief.
In der Dämmrung steht er, groß und unerkannt,
Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.

In den Abendlärm der Städte fällt es weit,
Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit,
Und der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis.
Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß.

In den Gassen faßt es ihre Schulter leicht.
Eine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht.
In der Ferne <wimmert> ein Geläute dünn
Und die Bärte zittern um ihr spitzes Kinn.

Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an
Und er schreit: Ihr Krieger alle, auf und an.
Und es schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt,
Drum von tausend Schädeln laute Kette hängt.

Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut,
Wo der Tag flieht, sind die Ströme schon voll Blut.
Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt,
Von des Todes starken Vögeln weiß bedeckt.

Über runder Mauern blauem Flammenschwall
Steht er, über schwarzer Gassen Waffenschall.
Über Toren, wo die Wächter liegen quer,
Über Brücken, die von Bergen Toter schwer.


In die Nacht er jagt das Feuer querfeldein
Einen roten Hund mit wilder Mäuler Schrein.
Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt,
Von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt.

Und mit tausend roten Zipfelmützen weit
Sind die finstren Ebnen flackend überstreut,
Und was unten auf den Straßen wimmelt hin und her,
Fegt er in die Feuerhaufen, daß die Flamme brenne mehr.

Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald,
Gelbe Fledermäuse zackig in das Laub gekrallt.
Seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht
In die Bäume, daß das Feuer brause recht.

Eine große Stadt versank in gelbem Rauch,
Warf sich lautlos in des Abgrunds Bauch.
Aber riesig über glühnden Trümmern steht
Der in wilde Himmel dreimal seine Fackel dreht,

Über sturmzerfetzter Wolken Widerschein,
In des toten Dunkels kalten Wüstenein,
Daß er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,
Pech und Feuer träufet unten auf Gomorrh.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Dopamin« (26. September 2008, 10:46)

  • Zum Seitenanfang

Registrierungsdatum: 20. März 2006

Beiträge: 493

Wohnort: gerade nicht zu Hause

Aktivitätspunkte: 4700

2

Donnerstag, 2. August 2007, 15:40

Georg Heym

"Der Krieg" erschien afaik erst posthum im Band Umbra Vitae. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das 'wimmert' eine Alternative zu 'zittert' sein sollte, aber vom Autor nicht endgültig festgelegt wurde oder es verschiedene Fassungen von dem Gedicht gibt. KA, welche zum Druck freigegeben wurde.
Die vierte Strophe ist mir hingegen bekannt, s. Menschheitsdämmerung, wo das Gedicht auch auftaucht.
  • Zum Seitenanfang